Fasziniert schaue ich mich um. Das hier ist es nun also: mein Arbeitszimmer. Das erste Arbeitszimmer in den eigenen vier Wänden, das ich jemals hatte. Zu schön, um wahr zu sein? Nein, denn es ist tatsächlich wahr. Und schön.
Schon Wochen vor dem Umzug hatte ich dieses Zimmer hier gedanklich eingerichtet: besondere Teppichfliesen, ein neuer Schrank, in dem alle meine Materialien genügend Platz haben würden. Ein selbst gemaltes Meerbild meines Opas, meine eingerahmte Lieblingspostkarte… In meiner Vorstellung sah alles perfekt aus. Und nun sieht es genauso auch in echt aus. Kurz muss ich mich kneifen, um zu begreifen, dass das, wovon ich jahrelang geträumt habe, nun in Erfüllung gegangen ist: Wir sind umgezogen. In eine fast 25 Quadratmeter größere Wohnung. Zu finanziell unglaublich guten Konditionen. Alles, was wir tun mussten? „Einfach nur“ eine Etage runterziehen, vom Dachgeschoß ein Stockwerk runter. Wir dürfen in der netten Hausgemeinschaft bleiben. Unser Sohn wird den gleichen Schulweg wie immer haben und ein viiiiiel größeres Zimmer. In Zukunft wird er spontan Freunde einladen können. Denn wir haben nun den Platz, den es dafür braucht. Wir haben jetzt deutlich mehr Lebens- und Stauraum. Und das Beste an alledem? Ja: Ich habe endlich ein eigenes Arbeitszimmer!! In dem ich alles stehen und liegen lassen kann, wie es ist, wenn ich für den Tag fertig bin. Ohne den Tisch für’s Mittagessen oder für die Hausaufgaben meines Kindes freiräumen zu müssen. Was sind wir doch für Glückspilze!
Doch dann der Schlag in die Magengrube, der uns völlig unerwartet trifft: Hier in der neuen Wohnung ist es ziemlich laut. Wir hören viel mehr von unseren Nachbarn, als uns lieb ist. Von Trittschalldämmung scheint man noch keine Ahnung gehabt zu haben, als man dieses Haus erbaute. Wie tiefe Basstöne bei einem Konzert durchdringt mich gefühlt jeder einzelne Schritt meiner Nachbarn. Unter mir und über mir. Von unten kommt zusätzlich noch laute Musik mit dem bassigen Gesang meines Nachbarn und von oben das Klappern der Holzbausteine eines Krabbelkindes hinzu, das sich viel lauter anhört, als es gut für uns wäre. Plus nebenan das Spielen, Streiten, Singen und Weinen unserer zwei kleinen Nachbarskinder. Ausschlafen am Wochenende? Seit des Umzugs Fehlanzeige. Abends gemütlich auf der Couch sitzen und den Tag zusammen Revue passieren lassen? Nicht ohne das Gewummere unserer laufenden Nachbarn über uns und das Gähnen, Unterhalten und Auflachen der netten Nachbarn unter uns. Für mich brechen in diesen Momenten immer wieder kleine Welten zusammen. Wie sollen wir uns hier wohl fühlen bei all dem Krach? Es liegt ja noch nicht mal an den Nachbarn selbst. Sie sollen alle ihr Leben leben. Das Haus ist nur einfach furchtbar hellhörig, was wir oben unter dem Dach nicht so mitbekommen haben…
Ich gebe mir ein paar Wochen Zeit. Versuche, meine alten Rituale, die mir immer halfen, zeitnah und intensiv in die Ruhe einzutauchen, auch hier unten wieder einzuführen. Doch leider werde ich immer wieder unterbrochen. Durch was, muss ich hier wahrscheinlich nicht nochmal ausführen. Und mit den Wochen nutzen sich meine Nervenenden gefühlt Millimeter um Millimeter mehr ab. Bis der erste Nervenzusammenbruch kommt, der sich dadurch äußert, dass ich zwei Tage lang durchweine und mich gar nicht mehr wieder einkriege. Wie von selbst stelle ich mir Fragen: War es ein Fehler, hier runtergezogen zu sein? Warum komme ich hier nicht an? Warum sehne ich mich plötzlich zurück nach unserer viel zu kleinen Wohnung oben unterm Dach? Wie soll ich so leben? Umgeben von so viel Lärm? Langsam beginne ich, angespannt einzuschlafen. Weil ich schon fast damit rechne, gleich wieder von den Füßen meiner Nachbarn „wachgewummert“ zu werden. Und ich beginne, gestresst aufzuwachen. Weil ich nun, zumindest am Wochenende, nicht mehr von allein aufwache, sondern vom Spielen der Kinder nebenan.
So hatte ich mir das ehrlich gesagt nicht vorgestellt. Ich kann es gar nicht genießen, jetzt endlich ein Arbeitszimmer zu haben. Oder mehr Platz. Mein Herz fühlt sich noch ein paar Meter über mir zu Hause. Dort, wo jetzt eine andere kleine Familie ihr Leben lebt. In einer Oase, wie es mir jetzt im Nachhinein vorkommt. In einer Oase der Ruhe.
In all meiner Verzweiflung versuche ich, trotzdem das Gute zu sehen: Mein Sohn kann jetzt spontan Freunde einladen, was er richtig genießt. Ich darf meine Dekorationsfreude aufleben lassen. Wir haben nun keine offene Küche mehr, die alles mit Essensgeruch vernebelt. Und so viel mehr Stauraum! Ich muss nicht mehr so viel aufräumen, weil endlich alles einen Platz hat. Und ich darf ein eigenes Arbeitszimmer haben. Doch richtig ankommen in der Dankbarkeit kann ich nicht. Zu groß wiegt die Schwere des mich störenden Lärms. Immer wieder lege ich meine Sorgen und meine innere Bedrängnis Gott hin. Dem Einzigen, an den ich mich gerade klammern kann. Ich beginne, neue Strategien zu entwickeln. Zum Beispiel laut beruhigende Instrumentalmusik laufen zu lassen oder mit speziellen Ohrstöpseln zu schlafen, um die Nachbarn nicht mehr zu hören. Doch auch das hilft nur wenig.
Nun, drei Monate nach dem Umzug, kann ich sagen, dass ich immer noch nicht richtig angekommen bin. Wahrscheinlich wird es auch noch dauern. Und doch stelle ich fest, dass sich etwas verändert. Ganz langsam und ganz sacht. Aber deutlich spürbar: Ich klammere mich mehr denn je an meinen Gott. An Seine Güte. An Seine Leitung und Führung. Und ich versuche, das umzusetzen, was Jesus sagte: „Jeder Tag hat seine eigene Sorge. Darum sorge Dich nicht um das Morgen.“ Es gehört für mich eine Menge innere Disziplin dazu, das auch wirklich zu praktizieren. Und doch merke ich, dass es gerade eine ganz neue innere Radikalität braucht. Eine Radikalität, die den Istzustand nicht verleugnet und auch nicht die Gefühle zu unterdrücken versucht. Nein! Eher eine Radikalität, meine innere Not als eine Einladung zu sehen, mich bewusster und intensiver als noch wenige Monate zuvor an Gottes Hilfe zu klammern. Und Seine Nähe und Gegenwart zu suchen.
Und so paradox das auch klingen mag: Das macht was mit mir. Etwas Gutes! Denn ich lerne Gott gerade wieder eine Herzensetage tiefer als eine Kraft kennen, die da ist. Und die mich begleitet. Und mich umfängt. Ganz egal, ob ich gerade in meinem wirklich tollen Arbeitszimmer sitze und vor mich hinwerkel, so wie jetzt. Oder ob ich gerade im Bett liege und mit den Geräuschen in der Umgebung zu kämpfen habe, die mir das Gefühl geben, mitten auf hoher See einschlafen zu sollen. Und genau in diesen Momenten tut sich etwas. Denn mein Herz wird herausgefordert, sich zu entscheiden, auf was es sich fokussiert. Ich gebe zu, dass es mir noch oft genug nicht gelingt, ruhig zu bleiben und mir zum Beispiel vorzustellen, dass in diesem Boot auf hoher See Jesus schläft, den ich aufwecken darf. Um Ihn zu bitten, meine inneren Wellen zu befrieden. Und doch kommt es nun immer öfter vor, dass ich meinen inneren Frieden bewahren kann. Weil ich weiß, dass Gott auch durch diese Phase mit mir geht. Und es so gut mit mir meint. Dass Er auch diese Umstände hier zu etwas Gutem wenden kann. Ich habe es doch selbst so oft erlebt! Was für mich den entscheidenden Unterschied macht, ist meine Ehrlichkeit. Ich möchte mich nicht mit Bibelversen bewaffnet und lauter gute Dinge aussprechend durch den Tag proklamieren. Und damit ignorieren, dass es mir nicht gut geht. Ich möchte ehrlich sein. Gott und mir selbst gegenüber. Denn damit schenke ich Ihm mein Herz und schaffe den größtmöglichen Raum, damit Er mir dort begegnen kann, wo und wie ich es gerade brauche. Und da gibt es gerade sehr viel. Denn neben der Herausforderung namens Lärm dreht sich ja auch das restliche Leben weiter, in dem mein Sohn zum Beispiel momentan sehr viel Unterstützung in der Schule braucht, sich beruflich Dinge weiterentwickeln und ich kürzlich auch noch eine Trauma-Therapie hinter mich gebracht habe.
Was ich gerade durch all das lernen darf, ist kostbar. Und wird irgendwann im Rückblick eine Zeit sein, in der sich meine Beziehung zu Gott nochmal intensiviert hat. Ich weiß das, weil ich es bereits spüren kann. Denn all das, was gerade los ist, treibt mich nur noch mehr ins Gebet und in die Arme meines himmlischen Vaters. Und mir wird wieder einmal knallhart bewusst: Ich brauche Ihn. So sehr! So sehr, dass ich im Letzten sagen kann, dass Er der Sinn meines Lebens ist. Nicht meine Familie, nicht meine Wohnung, nicht mein Beruf. Denn all das wäre ohne Ihn für mich nichts. Er ist der Schatz meines Herzens. Die eine große Liebe, die mich trägt. Durch Höhen und durch Tiefen. Und Ihm darf ich mich immer wieder neu anvertrauen und in Seine Pläne loslassen. Auch wenn ich sie nicht immer gleich verstehe.
So befinde ich mich also gerade mitten im Sturm der Ambivalenzen: Privat bin ich als Frau meines Mannes und Mutter meines Sohnes glücklich (was vor 9 Jahren noch ganz anders aussah). Beruflich darf ich seit 1,5 Jahren das erste Mal überhaupt erleben, wirklich erfüllt und in der Mitte meines Seins angekommen zu sein (Jahrelang habe ich mich als Erzieherin regelrecht nach der nächsten Krankschreibung gesehnt, weil ich völlig am Ende meiner Kräfte war.). Auch fühle ich mich von so tollen Freunden und Freundinnen getragen, erkannt und ermutigt, was für mich keine Selbstverständlichkeit ist, weil ich diesen Kreis von Verbündeten sehr lange nicht hatte. Vieles mehr könnte ich hier aufzählen. Und gleichzeitig ist mein Inneres so sehr umkämpft wie schon lange nicht mehr, weil die äußere Unruhe meine innere Ruhe, die für mich ein Schlüssel zum Leben ist, ins Wanken bringt. So sehr, dass mir manchmal schwindelig wird. Doch all das treibt mich gerade so sehr in Gottes Arme, dass ich die Nähe zu Ihm mehr denn je spüre. Und Seine Liebe für mich, die mir gerade all die Stärke und innere Widerstandskraft schenkt, die ich brauche, um durch die Tage zu kommen. Wieder einmal stelle ich fest, dass es stimmt, was meine Therapeutin immer sagt: „Leid ist vertieftes Gebet.“
Hinter all dem, was gerade passiert, sehe ich Gottes liebevolle Handschrift, die mein Leben schreibt. Und deswegen weiß ich: Auch dieses Kapitel steht in Sein Buch des Lebens geschrieben. Und auch wenn ich den Ausgang noch nicht kenne, darf ich vertrauen. Weil Er weiß. Und das erinnert mich daran, wirklich im Hier und Jetzt zu leben. Und nicht auf gute Umstände zu warten, die mir dann die Berechtigung geben, glücklich zu sein.
Ein wenig erinnert mich unser Umzug an das Volk Israel, das aus Ägypten auszog und aus der Sklaverei befreit wurde (wie wir aus der viel zu engen Wohnung). Um dann eine Extrarunde in der Wüste zu drehen. Leider verweilten sie dort 40 Jahre lang. Weil sie die Versorgung und Güte Gottes, und Seine Einladung, für sie nah und greifbar zu sein, nicht sehen konnten (oder wollten?). All das Manna und all die Wachteln, die in dieser Zeit vom Himmel fielen, um sie zu versorgen – Sie wurden nicht als das gesehen, was Gott darin für sie bereithielt: Die wundersame Versorgung eines liebevollen Gottes, der sie sah, bei ihnen nah war und den guten Ausgang der ihrer Geschichte bereits kannte. Stattdessen schauten sie immer nur darauf, was sie noch nicht hatten: das verheißene Land.
Dabei wartete die eigentliche Erfüllung ihres Glücks nicht im Betreten des verheißenen Landes. Es lag darin, Gott als das innere verheißene Land, als das Glück ihres Lebens zu erkennen, das ganz unabhängig davon war, wo sie sich gerade örtlich befanden: im Wüstenland oder im Land, in dem Milch und Honig flossen.
Und so möchte ich all das Manna und all die Wachteln sehen, die mich jeden Tag umgeben, und mich von Gott versorgen lassen. Mitten in der Wüste. Mitten in meinem Herzen. Denn am Ende ist Er es, der mich so erfüllen kann, dass es mir gut geht. Ja, Er ist die Perle meines Lebens und wird es immer sein. Mein Zuhause. Ganz egal, wo ich gerade wohne…
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